Ein Adler-Ei fällt aus Versehen aus seinem Adler-Horst. Zum Glück fällt das Kücken im Innern des Ei auf den weichen, moosbefleckten Waldboden, so dass das Ei unversehrt bleibt. Ein Landwirt kommt seiner Wege daher, findet das Ei und weiß, wenn er es liegen lässt, muss das Kücken sterben. Sein gutes Herz siegt und so nimmt der Landwirt das Ei mit nach Hause, legt es zu seinen Hühnern in ihr Nest und hofft darauf, dass sie das Kuckucksei (oder Adler-Ei) nicht bemerken. Tatsächlich: Der Bluff funktioniert, die Hühner brüten das Ei aus. Eines Tages ist es soweit: Der kleine Adler im Inneren des Eis pickt mit seinem Schnabel die Hülle auf, streckt seinen Kopf hinaus in die fremde Welt und das Erste, was er sieht – ist ein Huhn!

Das zweite Lebewesen, das er sieht, ist wiederum ein Huhn! Alle Lebewesen, die er zunächst zu sehen bekommt sind Hühner. Nun, der Adler erhält einen Hühnernamen und wird behandelt und erzogen wie jedes andere Huhn auch. Und so glaubt der Adler, selber ein Huhn zu sein. Natürlich wundern sich die anderen Hühner, dass der Adler wesentlich schneller wächst und auch größer wird als alle anderen. Und natürlich wundert sich der Adler darüber, dass er, obwohl er sich täglich stundenlang anstrengt, kein Ei legen kann…!

Der Adler lernt alles, was ein Huhn lernen muss: Wie man die Körner pickt, die die Menschen als Futter ausstreuen, wie man einen Wurm aus dem Boden scharrt, um einen Leckerbissen genießen zu können und wie man, um ein wenig Spaß zu haben, mit den Flügeln schlägt, um in die Luft zu fliegen. Aber bitte nicht höher als fünf bis sechs Meter, denn höher kann ein Huhn nicht fliegen, sonst stürzt es ab.

Eines wunderschönen Sommertages, es ist strahlend blauer Himmel, die Sonne scheint angenehm warm, sieht der Adler, der glaubt, er sei ein Huhn, einen Adler hoch oben am Himmel majestätisch seine Kreise ziehen. Die Schwingen weit ausgebreitet, segelt der Adler unbeweglich im Aufwind. „Wer ist das?“ fragt er bewundernd seine Kumpels. „Das ist der Adler“, antworteten ihm seine Freunde, „er ist der König der Lüfte.“ „Warum fliegen wir nicht so hoch am Himmel? Das wäre doch herrlich. Wir wären frei! Kein Zaun, kein Berg könnten uns daran hindern, die Welt zu erobern, kein Berg unseren Tatendrang begrenzen.“

Die anderen Hühner lachten ihn aus: „Du Dummkopf! Wir sind als Hühner geboren und dazu bestimmt, am Boden zu leben, Körner aufzupicken, nach Würmern zu scharren und ab und zu auf einen Baum zu flattern. Das jedoch ist der Adler, der „König der Lüfte“, er wurde schon geboren, um frei zu sein und die Lüfte zu beherrschen“.

Der Adler am Boden verstand und lebte weiter in dem Bewusstsein „ich bin halt nur ein Huhn“. Er pickte die Körner, die man ihm hinwarf, er scharrte nach Würmern, wenn ihm nach einem Leckerbissen war, und wenn er Spaß haben wollte, flatterte er in die Luft. Einmal, ein einziges Mal, sprengte er seine Grenzen und flog acht Meter, zehn Meter, ja sogar zwölf Meter in die Höhe. Doch dann überkam ihn die Angst, denn er wusste ja, dass Hühner in dieser Höhe normalerweise abstürzen müssen.

Als der Adler schon sehr alt war, auf seinem Sterbebett lag und sein Leben Revue passieren ließ, hatte er immer wieder die Bilder vor Augen, als er diesen Adler zum aller ersten Mal am Himmel fliegen sah und seine letzten Gedanken, bevor er einschlief waren: „Schade, dass ich nicht auch als Adler geboren wurde…“.